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27.07.2007    Hausbesuch beim ALMS-Tabellenführer

Wer im 800-Seelen-Örtchen Dittweiler in der Saar-Pfalz nach Timo Bernhard fragt, der bekommt etwa folgende Antwort: „Den Rennfahrer suchen Sie? Da müssen Sie einfach diese Straße bergauf fahren.“ Nach vier Jahren kennen im Dorf fast alle ihren prominentesten und vor allem schnellsten Einwohner.

Der 26-jährige Blondschopf fährt seit 1999 für Porsche und ist damit der dienstälteste der insgesamt neun Werksfahrer. Zusammen mit dem Franzosen Romain Dumas steuert er in der American Le Mans Series (ALMS) den gelben Porsche RS Spyder mit Startnummer sieben. Beide gelten als Maß der Dinge in der LMP 2-Klasse, führen die Meisterschaftstabelle in der Serie mit den schnellsten Sportwagen der Welt klar an. Bei drei von bislang sieben Saisonrennen gelang ihnen sogar der große Coup: Auf den Stadtkursen von Long Beach und Houston sowie zuletzt auf der Strecke von Mid Ohio bezwangen sie die deutlich leistungsstärkeren LMP 1-Autos und brachten sich mit den drei Gesamtsiegen weltweit in die Schlagzeilen. 
                
Doch abseits von Motorengebrüll und Fan-Gejohle schlägt Timo Bernhard eher leise Töne an. Zusammen mit Freundin Katharina (24) wohnt er seit 2003 in einem Einfamilienhaus rund 15 Kilometer von seinem Geburtsort Homburg entfernt. Den Innenausbau hat der drahtige Profirennfahrer zusammen mit Vater Rüdiger selbst gemacht. Und sich bis auf eine Solaranlage auf dem Dach keinerlei Extravaganzen geleistet. Helle Buchenholz-Möbel und blaue Bodenfliesen erzeugen eine freundliche Atmosphäre. Einzig die vielen Motorsport-Fotos an den Wänden, eine Reihe von Porsche-Modellautos und Rennsport-DVDs im Wohnzimmerregal geben einen Hinweis darauf, dass man bei einem der besten Sportwagen-Piloten der Welt zu Gast ist.

Und wer im Gästezimmer übernachtet, der dürfte mit hoher Wahrscheinlichkeit von Blitzlichtgewitter, Nationalhymne und verspritztem Champagner träumen. Denn in einem großen Regal bewahrt Bernhard dort seine 30 wichtigsten Trophäen auf. Neben den vielen Siegerpokalen aus der ALMS auch chromblitzende Erinnerungsstücke aus frühen Rennsportjahren.

Schon 1991 heimste Timo im Alter von zehn Jahren den ersten Meistertitel im Kart-Slalom ein. 1995 feierte er als Deutscher Junioren-Kart-Meister und Fünfter der Junioren-Weltmeisterschaft seinen internationalen Durchbruch mit rund 20 Pferdestärken.

„Der wohl wichtigste Moment in meiner Motorsportlaufbahn war aber sicherlich die Aufnahme in das UPS Porsche Junior Team“, erinnert sich Timo Bernhard mit funkelnden Augen. Im dritten Jahr seiner Ausbildung als Porsche-Junior erkämpfte er sich den Titel im Porsche Carrera Cup. Als Porsche-Werksfahrer siegte er in den Folgejahren bei den 24-Stunden-Rennen in Daytona und auf dem Nürburgring und feierte Klassensiege in Le Mans und Spa.
Bereits seit sieben Jahren fährt Timo Bernhard Rennen in den USA. „Ich bin und bleibe aber trotzdem ein Europäer, fühle mich zu Hause am wohlsten“, betont er. Einzig die Marke seiner Sonnebrille, die T-Shirts in seinem Kleiderschrank und der große Barbecue-Grill auf der Terrasse hinter dem Haus zeugen von seinen vielen Reisen über den großen Teich.

„Ich mag das Leben auf dem Land. Hier kann ich optimal entspannen und draußen in der Natur ein abwechslungsreiches Ausdauertraining absolvieren“, erklärt er. Fast jeden Tag joggt er eine Stunde durch den naheliegenden Wald oder düst mit seinem Mountainbike über die Feldwege in der Saar-Pfalz. Sein Krafttraining absolviert Bernhard am Olympiastützpunkt in Saarbrücken, wo sich häufig auch die deutsche Ringer-Nationalmannschaft und die Badminton-Nationalmannschaft auf ihre Wettkämpfe vorbereiten. Trainer Oliver Muelbredt hat eine Menge Zeit investiert, um die Übungen speziell auf die Anforderungen am Steuer eines Sportprototypen abzustimmen. Während er eine Langhantel vor dem Körper nach oben wuchtet, simuliert der von einem straffen Gummiband zur Seite gezogene Helm die Fliehkräfte von bis zu 3,5 g in Kurven. Das jahrelange Training zeigt Wirkung: Bernhards Nackenmuskulatur übertrifft den Bizeps der meisten Normalsterblichen.

Zu Schulzeiten gehörte Timo Bernhard eher zu den schmächtigen Jungs in der Klasse. „Timo war eher ein ruhiger Schüler, aber irgendwie auch ein Schlitzohr“, erinnert sich seine ehemalige Englischlehrerin Rita Toerlitz bei einer Stippvisite im Christian-von-Mannlich-Gymnasium in Homburg. Auch sein alter Erdkundelehrer hat positive Erinnerungen an den sportlichen Weltenbummler: „Seine letzte Arbeit, die er bei mir geschrieben hat, war die beste der Klasse: 14 Punkte, eine glatte Eins!“

Während die Lehrer in Homburg die Motorsportambitionen des Gymnasiasten schon immer bereitwillig unterstützten, stieß Timo Bernhard bei Freundin Katharina anfangs auf Granit. „Als ich Timo Ende 2002 kennen gelernt habe, war ich vom Motorsport nicht wirklich begeistert. Aber mittlerweile hat er mich umgepolt“, gesteht die hübsche Medizinstudentin. Die Übertragung der ALMS-Rennen zelebriert sie gemeinsam mit Timos Eltern im heimischen Wohnzimmer. Oft gesellen sich noch einige Freunde zum Mitfiebern, es gibt reichlich deftige Hausmannskost und auf dem Wohnzimmertisch liefert ein Notebook live die aktuellen Rundenzeiten aus dem Internet.

Bei einem so engen Familienanschluss mehren sich im Freundeskreis natürlich die Fragen nach den Hochzeitsplänen. „Es ist kein Geheimnis, dass ich einmal Familie haben will. Aber über einen Hochzeitstermin haben wir uns noch keine Gedanken gemacht“, sagt Timo Bernhard. „Fest steht nur: Unser Hochzeitsauto sollte ein offener Porsche sein. Am liebsten natürlich ein Carrera GT…“

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